Paul-Gerhardt-Gemeinde/Berlin-Lichtenberg

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Laib und Seele ohne Barmherzigkeit?

Seit fast 7 Jahren betreibt unsere Gemeinde in Barmherzigkeit, Eitelstraße 20, eine Ausgabestelle der Aktion Laib und Seele. Wie wir schon im Gemeindebrief berichteten, wird diese Aktion gemeinsam von der Berliner Tafel, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und den Kirchen seit August 2004 durchgeführt. Wir waren von Anfang an dabei. Inzwischen sind 44 Ausgabestellen von Berliner Gemeinden gegründet worden, so dass die berechtigten Empfänger der ergänzenden Lebensmittelhilfe flächendeckend in Berlin versorgt werden können. Insgesamt unterstützen inzwischen etwa 1300 ehrenamtliche Helfer 48.000 Bedürftige. An solche Zahlen hatte am Anfang niemand gedacht.

Da wir in Barmherzigkeit tätig sind, liegt die Frage nahe, ob die Aktion Laib und Seele eine Tat der Barmherzigkeit ist, oder ob unsere Gemeinde damit schlicht einen Teil ihrer sozialen Verantwortung wahrnimmt. Das ist eine Frage der Perspektive, denn es ist nicht Zweck der Aktion Laib und Seele, Arme ausreichend zu ernähren, die sonst hungern müssen. Schon gar nicht kann es Aufgabe sein, notwendige soziale Maßnahmen des Staates zu ersetzen oder eine Grundversorgung bereitzustellen. Vielmehr wollen wir den Menschen, die am unteren Ende der Einkommensskala zurecht kommen müssen, dadurch helfen, dass sie unentgeltlich Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, zur ergänzenden Versorgung erhalten. Bekanntlich werden in Deutschland 20% der Lebensmittel als Abfall entsorgt. Die Aktion Laib und Seele trägt also auch zur Linderung dieser unerträglichen Situation bei. Die Berechtigung, Unterstützung bei Laib und Seele zu erhalten, orientiert sich am Einkommen im Hartz IV- Bereich, für eine einzelne Person sind das etwa 900 € im Monat. Zu uns kommen Arbeitslose, Rentner mit geringen Renten und Empfänger von Sozialhilfe. Sie alle erhalten nicht nur einmal in der Woche Lebensmittel, sondern finden auch ein offenes Ohr für ihre Probleme, also Hilfe für den Laib und die Seele. Dazu gehören auch von Zeit zu Zeit Andachten, die von Frau Pfarrerin Goyn angeboten werden. Wichtig ist auch, dass unsere Gäste in den Räumen von Barmherzigkeit in einer angenehmen Umgebung die recht lange Wartezeit verbringen und wir ihnen die Wartezeit mit Kaffee und Gebäck verkürzen können. Das fördert die Gespräche und menschlichen Kontakte. Unsere Ausgabestelle in Barmherzigkeit ist Donnerstag nachmittags geöffnet. Wir erhalten die Lebensmittel von einer gemeinsam von 6 Gemeinden im Nordosten Berlins unterhaltenen Sammelstelle der Marzahner Missionsgemeinde in der Schwarzburger Straße. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Bemühungen, den durch Brandstiftung zerstörten Transporter unserer Sammelstelle zu ersetzen. Eine solche gemeinsam betriebene Sammelstelle ist nötig, da die Supermärkte und Großhändler, die uns Lebensmittel zur Verfügung stellen, auf einer täglichen Abholung bestehen, wir aber nur einmal in der Woche tätig sein können. Am Donnerstag allerdings fahren wir selbst mit einem dankenswerter Weise von Friedhofsverbund gestellten Transportfahrzeug zu etwa 10 Supermärkten und Geschäften im Territorium um unsere Gemeinde, um Lebensmittel abzuholen.

Die ehrenamtlichen Helfer unserer Ausgabestelle sind nur zum Teil Gemeindemitglieder. Viele Unterstützungsberechtigte erklärten sich bereit, selbst mit anzupacken und als ständige Helfer zu wirken. Für sie ist die Arbeit ein wichtiger und sinnstiftender Teil ihres Alltags, solange sie keinen normalen Arbeitsplatz finden können. Wenn man so will, ist auch dies ein Beitrag zum Aspekt „Seele“ der Aktion. Mit der Zeit hat sich ein Team der Ausgabestelle von etwa 25 Helfern entwickelt, das kameradschaftlich und engagiert zusammenarbeitet, so dass die Arbeit fast reibungslos läuft. Das ist nicht selbstverständlich, denn es werden jeden Donnerstag zur Zeit etwa 300 bedürftige Personen mit Lebensmitteln versorgt. Was angeliefert wird, muss sortiert werden, und wegen des unvermeidlichen echten Abfalls entstehen beträchtliche Entsorgungsprobleme. Hygienevorschriften sind zu beachten, und finanziell ist die übliche Kontrolle nötig. Kurz und gut, die Ausgabestelle unserer Gemeinde ähnelt einem kleinen Unternehmen.

Die Liegenschaft Barmherzigkeit wurde, wie Sie alle wissen, inzwischen an die Sozialdiakonie verkauft. Es musste geklärt werden, wie wir die Arbeit unserer Ausgabestelle fortsetzen können. Der nicht nachlassende Zuspruch unserer Gäste erlaubt es uns nicht, einfach aufzuhören. Die naheliegende Möglichkeit, mit der Ausgabestelle nach Erlöser umzuziehen, musste wegen der damit verbundenen Investitionen und ungünstigen Bedingungen verworfen werden. Wir werden also als Untermieter in Barmherzigkeit bleiben. Der finanzielle Mehraufwand für die Gemeinde ist akzeptabel, wenn man den Verkaufserlös und die Zinsen gegenrechnet. Mit Herrn Heinisch als Leiter der Sozialdiakonie konnten wir eine großzügige Lösung für die Fortsetzung unserer Arbeit finden. Im Rahmen des Umbaus von Barmherzigkeit wird ein neuer Gebäudetrakt an das alte Heizhaus, in dem wir unsere Lebensmittel lagern, angebaut. Er besteht aus einem Versammlungsraum von ca. 40 m² mit Toiletten und einer kleinen Küche. Dadurch bleibt uns der Warteraum mit der Möglichkeit des Kaffeeausschanks erhalten. Wichtig ist auch, dass unsere Gemeindemitglieder, die in Barmherzigkeit ihre religiöse Heimat hatten, sich weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung treffen können, z.B. der Seniorenkreis. Der Bauablauf wird so organisiert, dass wir in der ersten Bauphase, in der auch unser Anbau entstehen soll, den vorderen Teil des Altbaus nutzen können.

Auch wenn unsere Gemeinde auf die Liegenschaft Barmherzigkeit verzichten musste, kann Laib und Seele also mit Barmherzigkeit fortgeführt werden. Allen, die an diesem Ergebnis mit Rat und Tat mitwirkten, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Die an Laib und Seele beteiligten Gemeindemitglieder