Paul-Gerhardt-Gemeinde/Berlin-Lichtenberg

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Neue Musik auf der alten Amalien-Orgel?

Geht das? Ja, es geht. Am Sonntag, dem 16. November, werde ich ausschließlich Neue Musik auf der Amalien-Orgel zum Klingen bringen. Und es sind spannende Klänge! Von „Krach machender neuer Musik“ – wie manche den Werken des 20. Jahrhunderts unterstellen – kann keine Rede sein. Schon jetzt beim Üben schwelge ich in den zarten Klängen und geraden Linien der „Hommage á Frescobaldi“ von György Ligeti –  diese Klarheit und Ehrlichkeit der Sprache! Ist das noch irdisch oder schon sphärisch, überirdisch? Aus meinem Repertoire zum wiederholten Male wird mein geliebter Luigi Dallapiccola erklingen: "Quaderno musicale di Annalibera" (übersetzt "Notenbuch für Annalibera") in Anspielung auf das Bachsche "Notenbüchlein für Anna Magdalena". Dallapiccola legt hier 12 Miniaturen vor, die in einer auf konsequenteste Weise durchgeführten 12-Tonreihe einen Traum von Musik entfalten – von leiser Durchsichtigkeit bis zum packenden Orgel-Plenumklang.

Vielleicht können die im Novemberkonzert erklingenden Orgelwerke die Karlshorster Kirche ein wenig in eine Klosterkirche verwandeln: die Lauschenden mögen über den Weg dieser "vergeistigten" Musik den Himmel entdecken. Oder sich selbst. Oder Gott in sich. Neue Musik kann mystische Musik sein, denn sie zeigt einen Weg nach innen.

Ich bin der Meinung, Neue Musik gehört unbedingt von Zeit zu Zeit ins Konzertleben. Auch in das der Kirche, die seit viel zu langer Zeit die Herstellung und die Pflege von Neuer Kunst für Auge und Ohr vernachlässigt bzw. aus ihren Räumen verbannt.
Ich bin mir sicher: wenn man Werke dem Instrument gemäß (bei Bildender Kunst dem Raum gemäß) und in liebevoller Abstimmung eines runden Programmes zusammenstellt, gelingt das Vorhaben, die Kunst unserer Zeit den Menschen nahe zu bringen. Wenn ich mir "mein" Konzertpublikum so anschaue, dann "wage" ich es, unser in nun sechs Jahren gewachsenes Vertrauen auf die Probe zu stellen. Erläuterungen zu den Werken mit kommentierenden Klangbeispielen möchten helfen, mehr über die Hintergründe der Kompositionen zu hören und diese zu begreifen.
Auf jeden Fall ist das Konzertprogramm Musik für nachdenkliche Leute, die gerne strukturiert hören. Die gerne einmal abweichen von dem ansonsten geliebten Buxtehude- und Bachprogrammen. Die sich einfangen lassen für ungewohnte Klangsphären und kribbelig im Bauch davon werden wie beim Betrachten eines Kandinsky oder Picasso ... – Sie merken, ich schwärme schon wieder.      

Ich wünsche mir, dass diese Musiksprache diejenigen Menschen erreicht, welche auf der Suche sind und den Anspruch haben, nach einem Konzert mit einer ein wenig gewandelten Persönlichkeit den Raum wieder zu verlassen. Das scheint mir der Auftrag von Kunst zu sein und derer, die sie betreiben.
Kantorin Beate Kruppke