Eine Kirche für das wachsende Rummelsburg
Ende des 19. Jahrhunderts wuchs Berlin rasant. Auch in Boxhagen-Rummelsburg, damals noch eine selbstständige Landgemeinde vor den Toren Berlins, stieg die Einwohnerzahl stark an. 1890 entstand deshalb eine eigene evangelische Kirchengemeinde.
Am 4. Mai desselben Jahres wurde im Beisein von Kaiserin Auguste Victoria der Grundstein für eine neue Kirche gelegt. Die Erlöserkirche entstand nach Entwürfen von Conrad Wilhelm Hase und Max Spitta als neugotischer Backsteinbau. Vorbild war die Apostelkirche in Hannover.
Am 21. Oktober 1892 wurde die neue Kirche eingeweiht. Sie war der erste fertiggestellte Kirchenneubau eines umfangreichen Kirchenbauprogramms, mit dem in den schnell wachsenden Vororten Berlins neue Kirchen entstehen sollten. Es entstand nicht nur die Kirche, sondern ein ganzes soziales Ensenble: im heutigen Gemeindehaus gab es eine Kinderverwahranstalt und Suppenküche; umliegend entstanden Krankenhaus und Schulbauten.
Vieles aus dieser Zeit ist bis heute erhalten. Dazu gehören unter anderem Kanzel und Taufstein, das Altarbild, die Portale, Glocken sowie die einst für Mitglieder des Kaiserhauses und Minister vorgesehenen Stühle.
Zwischen Diktatur und Krieg
Auch die politischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts hinterließen ihre Spuren. In der Zeit des Nationalsozialismus wirkte mit Gottfried Kunzendorf ein Pfarrer der Bekennenden Kirche an der Erlöserkirche. Die noch heute über dem Portal sichtbare Bezeichnung „Ev.-luth. Erlöserkirche“ ließ er Mitte der 1930er-Jahre als sichtbares Zeichen gegen den Einfluss der nationalsozialistisch orientierten „Deutschen Christen“ anbringen.
1940 begann außerdem der Bau der heutigen großen Schuke-Orgel, für die Teile der ursprünglichen Dinse-Orgel von 1892 weiterverwendet wurden.
Bei einem schweren Bombenangriff auf Rummelsburg am 26. Februar 1945 wurde auch die Erlöserkirche beschädigt. Unter anderem gingen die ursprünglichen Altarfenster verloren. Bereits 1947/48 erhielt die Kirche neue Glasfenster, die bis heute den Altarraum prägen.
Bluesmessen, Friedenswerkstätten und DDR-Opposition
Nach dem Bau der Berliner Mauer entwickelte sich die Erlöserkirche zunehmend zu einem Treffpunkt für Menschen, die sich kritisch mit Politik und Gesellschaft in der DDR auseinandersetzten. Besonders in den 1980er-Jahren reichte ihre Bedeutung weit über die eigene Gemeinde hinaus.
Hier fanden Bluesmessen statt, bei denen Gottesdienst, Musik und gesellschaftskritische Themen miteinander verbunden wurden. Vor allem junge Menschen kamen zu diesen Veranstaltungen – viele von ihnen fanden innerhalb der Kirche einen Freiraum, den es an anderen Orten in der DDR kaum gab.
Ab 1982 wurde das Gelände der Erlöserkirche außerdem zum Schauplatz der Friedenswerkstätten. Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen aus verschiedenen Teilen der DDR kamen hier zusammen. Gottesdienste, Musik, Ausstellungen und offene Diskussionen beschäftigten sich mit Themen wie Frieden und Abrüstung, Menschenrechten, Umwelt und gesellschaftlicher Verantwortung. Bereits zur ersten Friedenswerkstatt 1982 kamen rund 3.000 Menschen.
Die Veranstaltungen standen unter intensiver Beobachtung der staatlichen Behörden und des Ministeriums für Staatssicherheit. Dennoch entwickelten sich die Friedenswerkstätten zu einem bedeutenden Forum der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR.
Auch im Herbst 1989 spielte die Erlöserkirche noch einmal eine besondere Rolle. Am 28. Oktober kamen zahlreiche Menschen zur Veranstaltung „Wider den Schlaf der Vernunft“ zusammen, bei der Künstlerinnen und Künstler öffentlich gesellschaftliche Veränderungen in der DDR forderten.
Sanierung und neues Leben
Nach der Wiedervereinigung wurde zunehmend deutlich, dass das große Kirchengebäude umfassend saniert werden musste. Erste Arbeiten begannen in den 1990er-Jahren. Im Jahr 2000 wurden Turm und Dach instand gesetzt und der Turm erhielt eine neue Uhr.
Weitere umfangreiche Arbeiten folgten: Das Gebäude wurde trockengelegt, die Klinkerfassade gereinigt und zwei nach dem Zweiten Weltkrieg zugemauerte Fenster am Altarraum wieder geöffnet. 2007 begann die Renovierung des Innenraums. Dabei wurden auch Reste der historischen Ausmalung aus der Kaiserzeit behutsam in die neue Gestaltung einbezogen.
Auch die große Schuke-Orgel wurde restauriert und erklingt heute regelmäßig in Gottesdiensten und Konzerten.
Die Erlöserkirche heute
Heute ist die Erlöserkirche Gottesdienstort und zugleich einer der wichtigen kirchenmusikalischen und kulturellen Orte unserer Gemeinde. Ihre Größe und besondere Akustik bieten Raum für Konzerte und größere Veranstaltungen. Hier ist auch der Erlöserchor zu Hause, dessen Arbeit weit über unsere Gemeinde hinaus ausstrahlt.
Auf dem Kirchengelände befinden sich außerdem das Gemeindehaus mit Gemeindesaal und eine unserer beiden evangelischen Kindertagesstätten. So ist die Erlöserkirche bis heute ein Ort, an dem Gottesdienst, Musik, Geschichte und vielfältiges Gemeindeleben zusammenkommen.